Schlüsselarbeitskräfte erwarten neben einem guten Einkommen auch ein inspirierendes Klima. Der EU-Austritt der Briten schafft langfristig enorme Probleme für Unternehmen.

By Andreas Hruschka

Schlüsselarbeitskräfte erwarten neben einem guten Einkommen auch ein inspirierendes Klima. Der EU-Austritt der Briten schafft langfristig enorme Probleme für Unternehmen.

Der Telekomriese Vodafone droht damit, sein Headquarter aus Großbritannien abzuziehen, im Finanzsektor sind laut Studien bis zu 100.000 Arbeitsplätze gefährdet - dass der Brexit zu erheblichen Jobverlusten führen wird, ist offensichtlich. Das ist bitter für die Briten, aber es ist erst der Anfang. Dass Firmen absiedeln und auf den europäischen Kontinent wechseln, ist schmerzhaft, aber ein einmaliger Effekt.

Schlimmer ist der langfristige Effekt für den britischen Arbeitsmarkt. Denn für die Unternehmen, die "auf der Insel" bleiben, wird es in Zukunft immer schwieriger werden, hoch qualifizierte Arbeitskräfte zu finden-und zu binden. Das hat auch mit den in Zukunft notwendigen Formalitäten und Behördenwegen für Ausländer in Großbritannien zu tun, aber nicht nur. Viel entscheidender ist das Klima. Und damit ist nicht der viele Regen in Großbritannien gemeint.

In allen Wettbewerbs-Rankings, in denen Staaten miteinander verglichen werden, ist die Verfügbarkeit von gut qualifizierten Arbeitnehmern ein entscheidendes Kriterium. Jede Standortbewertung steigt, wenn die Region Absolventen von Universitäten und Fachhochschulen oder Facharbeiter zu bieten hat-und jede Region verliert im Ranking, wenn diese nicht vorhanden sind. Den Unterschied macht der Mensch, das weiß nicht nur jeder HR-Verantwortliche.

Dies gilt besonders für Dienstleistungsgesellschaften bzw. Wirtschaftsstandorte, deren Konkurrenzfähigkeit von hoher Produktivität und technischen Innovationen abhängig ist.

Rahmenbedingungen

Doch diese Schlüsselkräfte sind begehrt und schwer zu bekommen. Denn sie erwarten nicht nur ein gutes Einkommen, sondern auch ein inspirierendes Klima. Und das beschränkt sich nicht auf Klimaanlagen und Ruhezonen im Büro, sondern umfasst auch ein offenes gesellschaftliches Klima außerhalb des Unternehmens. Wer neue Ideen haben soll, braucht Anregungen und Raum für Inspiration. Wer Überdurchschnittliches leisten soll, darf nicht an jeder Ecke kritisiert und ausgegrenzt werden, weil er gerade eben nicht Durchschnitt ist. Wer denken soll, was bisher noch nicht gedacht wurde, braucht dafür eine gesellschaftliche Kultur, die offen ist und "anders sein" toleriert.

Warum haben sich die innovativsten und erfolgreichsten Startups Amerikas nicht in Mississippi oder Texas, sondern in Kalifornien angesiedelt? Weil man dort mit Minderheiten toleranter und offener umgeht, weil das Wissen und das Engagement von Mitarbeitern dort wichtiger sind als deren private Neigungen und Orientierungen.

Kulturell aufgeschlossen

Das bedeutet keinesfalls, dass innovative Unternehmen Sammelbecken von Minderheiten sind. Es bedeutet aber schon, dass innovative und kreative Menschen ein bestimmtes, kulturell aufgeschlossenes gesellschaftliches Klima suchen, das sie eben in San Francisco und Berlin finden, aber nicht in Moskau oder Bagdad. Und bald eben auch nicht mehr in London, weil dort gerade "Fremde" aus dem Land gejagt werden und das Land Gefahr läuft, sich mit hohen Mauern abzuschotten.

Der beste Beleg für diesen Zusammenhang ist San Francisco. Rein betriebswirtschaftlich ist es völliger Wahnsinn, dort ein Unternehmen zu gründen. Die Mieten sind explodiert, die Arbeitgeberkosten zählen zu den höchsten in den gesamten USA. Und trotzdem zieht die Stadt Gründer aus dem ganzen Land wie ein Magnet an. Das Klima macht den Unterschied.

Für Großbritannien besteht die erhebliche Gefahr, dass sich der Brexit neben den unmittelbaren wirtschaftlichen Folgen langfristig als fatale Hürde erweist, Talente und Visionäre ins Land zu holen. Denn wer im Wettbewerb um die besten Köpfe nicht zurückfallen will, muss nicht nur attraktive Arbeitsplätze bieten, sondern auch eine offene Gesellschaft, die gegenüber allem Fremden und Nicht-Üblichen aufgeschlossen ist. Das ist durchaus viel verlangt. Aber langfristig gibt es dazu keine Alternative-auch nicht in anderen Ländern.

This website uses cookies to ensure you get the best experience on our website.  Learn more