Wenn der Fachkräftemangel auf Führungsebene zum Bottleneck wird
Laut Angaben der Bundeszentrale für politische Bildung waren 1997 in Deutschland 37,7 Millionen Personen erwerbstätig, 2019 waren es 45,3 Millionen. Das ist ein Anstieg um gut 20 % und seitdem unangefochtener Höchstwert. Der guten Ordnung halber sei erwähnt, dass der Anteil der Erwerbstätigen an der Gesamtbevölkerung im gleichen Zeitraum von 46 % auf 54 % gestiegen ist, das sind immerhin knapp 17 % mehr. Als Gründe für den Anstieg werden die stabile Konjunktur in diesem Zeitraum, die starke Zunahme der Erwerbsbeteiligung von Frauen und älteren Menschen sowie der Strukturwandel hin zur Dienstleistungsgesellschaft genannt. Dann kam die Corona-Pandemie. Schaut man sich die Zahlen des dritten Quartals 2020 an, hatten wir in Deutschland 44,7 Millionen Erwerbstätige. Saisonbereinigt bedeutet das einen Rückgang um ca. 1,5 %, faktisch sprechen wir von 688.000 Personen. Tatsache ist, dass sich aus diesem Pool an Experten und Führungskräften talentierte Fachkräfte entwickeln (sollten). Wenn es folglich bereits auf Mitarbeiterebene an geeigneten Kandidaten mangelt, wird der Fachkräftemangel für die fachliche und disziplinarische Führungsebene erst recht zum Bottleneck. Die Lage ist also komplex. Zumal sich die Arbeitswelt rasant verändert und immer andere Skills auf den Führungsebenen in immer kürzeren Abständen erforderlich sind.
In Unternehmen wird oftmals sehr schnell der HR-Bereich für dieses Ungleichgewicht verantwortlich gemacht, wenn sich nicht die geeigneten Kandidaten für zu besetzende Experten- und Führungsfunktionen finden lassen: Die Personalabteilung sei schlicht nicht schnell, kreativ oder auch innovativ genug, heißt es dann häufig. Gleichzeitig sind viele Personalbereiche – wenn es diese denn überhaupt in der Organisation gibt – gerade im Employer Branding, Talent Management und Succession Planning nicht mehr oder nach wie vor nicht State of the Art und adressieren häufig nicht explizit die Zielgruppe der Führungskräfte. In diesem Kontext erinnere ich mich noch gut an die Credos meines Berufsanfangs: „Die Einstellung von Führungskräften ist Chefsache“. „Und von höchster strategischer Relevanz“. Diese Herangehensweise hatte und hat den großen Vorteil, dass der Auswahl und Gewinnung neuer Führungskräfte oberste Priorität eingeräumt wird, kurzfristig ausreichend Zeit für ein umfassendes gegenseitiges Kennenlernen in unterschiedlichen Konstellationen und Kontexten zur Verfügung steht, die Entscheider persönlich am Verhandlungstisch sitzen und der Prozess zeitnah mit einer Vertragsunterschrift finalisiert werden kann.
Denn wie wir mittlerweile alle wissen: Post and Pray funktioniert schon lange nicht mehr. Erst recht nicht für die Top-Führungsebene. Nur wenn Unternehmen die hoch qualifizierten Führungskräfte von heute und morgen von sich als attraktivem Arbeitgeber überzeugen können, werden sie eine Chance im harten Wettbewerb haben. Dafür bedarf es Sichtbarkeit als Unternehmen und der Leitfiguren im Markt, Professionalität bei der Ansprache, ein attraktives Angebot aus Gehalt und Verantwortungsgestaltung sowie eine hohe Reaktionsgeschwindigkeit, wenn passende Kandidaten Interesse zeigen. Eine kluge Strategie, verbunden mit der Stärkung der internen Ressourcen sowie gezielter Unterstützung durch externe Personalberatungen für die kritisch-relevanten Top-Positionen, sind unverzichtbare Erfolgsfaktoren. Professionelles Personalmanagement wird demnach insbesondere unter Berücksichtigung des Fachkräftemangels für die Zukunftsfähigkeit des Unternehmens zum entscheidenden strategischen Schlüsselelement. Daher muss Recruiting in Zukunft unternehmensintern wieder höchste Priorität genießen. Die individuelle Ausgestaltung kann dabei vielfältig sein. Aber eines ist unumstößlich: Recruiting muss wieder genau das werden, was es anfangs war: „Chefsache“.
Sylke Sergel verfügt über langjährige Erfahrung in der Besetzung von Top-Führungspositionen. Als international agierende Recruiting-Expertin und erfolgreiche Personalmanagerin verschiedener Unternehmen hat sie einen starken Business-Fokus, umfassendes Wissen in HR, branchenübergreifende Erfahrung in Unternehmens- und Organisationstransformationen sowie im Aufbau von High Performance-Teams und in der Gestaltung einer auf die Zukunft ausgerichteten Unternehmenskultur.